Autor: julianeharms

Hier gibts später mehr

Gestalten: Vielfalt oder Einfalt

Blütenflocken in einem Spinnennetz

Ich mag es, Menschen anzuschauen – gern auch fremde Menschen. Neulich, bei einem ausgiebigen Spaziergang entlang des Konstanzer Ufers, gab es wunderbar viel zu sehen. In der Frühlingsluft dehnten sich die Menschen aus, lösten sich aus der winterlichen Verkrampfung und ergossen sich in größeren und kleineren Grüppchen in die Sonne. Einer tanzte regelrecht in seiner kurz geratenen Chino mit großen Kopfhörern vor uns her. Es gab schöne Paare, frischverliebte und auch solche, die schweigend nebeneinander her liefen oder andere, deren gemeinsames Leben wie eine Gravur verwandte Spuren in den Gesichtern hinterlassen hatte.

Zum Einstieg in mein „Experiment“ habe ich den Fokus auf die Gestalten von uns Menschen gewählt. So geht es leicht, dachte ich, weil sie doch überall sind und mich interessieren. Dabei ruft mir dann bei meinem ersten Ausflug eine innere Stimme langweilige Bewertungen zu, wie zum Beispiel: Oh, ganz ungünstig verpackt! Oder auch andere Ablenkungen über Form, Größe oder Ausdruck von Menschen, denen sicherlich eine so prompte Bewertung nicht gerecht werden würde. Also schaue ich erneut hin und stelle wieder das Offensichtliche fest: eine Gestalt ist nur in der Bewegung ganz vollständig. Manche Leiber werden geschoben, andere auf kompliziert anmutende Weise oben transportiert, es gibt leichtfüßige, behäbige, schroffe, feine und feste, staksige, zerlaufene – um nur einige zu nennen, die ich kürzlich gesehen habe. Ich freue mich an der Vielfalt – und die Einfalt?

Die Einfalt fiel mir heute geradezu vor die Füße! Ist Einfalt das Gegenteil von Vielfalt? Womöglich ist das allgegenwärtige Bemühen um äußere Schönheitsideale und Standards zutiefst einfältig und ein vernichtender Angriff auf die Eigenfarben – alle in der gleichen Falte und keiner sieht etwas anderes?

Das Experiment: Ganz zu Anfang dieses Blogs habe ich mir vorgenommen, verschiedene „Brillen“auszuprobieren, ich habe bereits einige in meiner Sammlung, die ich tragen und über die ich hier berichten möchte. Diese Woche sind es, wie gesagt, Gestalten ( ich wollte ursprünglich Körper nehmen, aber das klang so nackt…) Dass es leicht gehen würde, war ein Irrtum. So vieles drängt sich auf aus den aktuellen Diskursen aus dem ganzen Spektrum von Bodyshaming, Big is Beautiful bis Size Zero, Mode und eingeübten Werten. Dabei geht es mir hier nicht um einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte, sondern nur um meine Wahrnehmung. Mal sehen, ob ich das kann. Ich ahne bereits, dass es vor allem eine spannende Reise in die Welt meiner Körperbilder und Urteile wird.

Der erste Frühling

Frühling gehört zu den Rätseln des Lebens, finde ich. Es gibt verlässlich jedes Jahr einen Frühling, wir alle wissen das und beschwören in kalten Wintertagen gern, dass der Frühling sich einstellen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Doch je mehr Frühlinge vorbeiziehen im Laufe der Jahre, um so rätselhafter wird er mir. Anders als die anderen Jahreszeiten hat der Frühling das Talent jedes Jahr ein erster Frühling zu sein, wie neu und nie dagewesen! Einfach unfassbar. Ich komme nicht dahinter, wie er das macht und bestaune das Rätsel einfach, ja, freue mich sehr darüber, dass eben jeder Frühling der erste Frühling ist.

Im Garten steht ein ausladender Mirabellenbaum. Im Frühling ist er nicht einfach nur ein Baum, er ist ein Ereignis. Das Thema heute ist daher keineswegs eine kleine Alltäglichkeit, die man bei schlechter Laune geflissentlich übersehen könnte. Es ist vielmehr baumhoch und fasst alle Sinne an. Dieser Baum feiert den Frühling!

Am Mittwoch war er noch etwas verhalten, hielt sich zurück um dann gestern mit aller Kraft wie im Hochzeitskleid weiß zu erstrahlen. Wenn ich mich dem Baum nähere, höre ich ein Summen, das betörend von allen Seiten auf und abebbt und von der Betriebsamkeit der Bienen erzählt, während mich unausweichlich ein süßer Honigduft umweht. Es ist beglückend, mit geschlossenen Augen im Halbschatten und in der Frühlingsluft dieses Wunder zu genießen.

Mandarin

Ich habe eine neue Farbe für meine Denkmuster geschenkt bekommen! Es war ein ganz kurzer sehr prägender Moment. Die Farbe ist ein Wort, genauer gesagt eine Sprache, doch dazu später mehr.

Ich hatte mich verrannt, verirrt, hatte entschieden, mich auf ein Thema zu fokussieren, das sehr abwegig ist – bedenkt man die Fülle der Dinge im Leben, die wirklich bedeutsam sind und die ich wirklich bearbeiten muss: ich wollte abnehmen. So abseitig und wenig passend war es, dass es ein Geheimnis sein musste – schließlich übe ich ganz andere Dinge wie zum Beispiel flott in den Tag starten. Dieses Ziel war mir unsäglich peinlich! Grotesk? Vielleicht, aber erstmal menschlich.

Ich brachte es übers Herz oder eher über die Lippen, also ans Ohr einer geliebten Person und bekam als Antwort ein entspanntes: Ja, du könntest auch Mandarin lernen.

Was soll ich sagen? Da steckt alles drin! Seitdem gibt es in meinem Leben Mandarin. Das ist wie Apnoe Tauchen oder die Welt umradelnd!

Stufen und Schnäpper

Ich bin über eine Stufe gestolpert, die ich in der Vorfreude auf meinen Selbstversuch hier und im Rausch der ersten sichtbaren Schritte nicht bemerkt habe. Schließlich machen die kleinen Schritte den Weg und beim Stolpern blicke ich unvermittelt auf die Füße und verliere den Horizont aus dem Blick. Glücklicherweise drängt die Stufe sich so plump auf, dass es kein Drumherum gibt: ich nehme mir vor Balance zu üben, dafür Pausen zu machen und mir und meinem Vorhaben treu zu sein.

Was ist das für einer?

Ich bin fasziniert von Vögeln und könnte ihnen stundenlang zuschauen, verfolgen, wie behende sie sich tragen lassen, auf wippenden Zweigen schaukeln oder ganz oben im Baum kraftvolle Lieder flöten. Ganz altmodisch habe ich gestern mithilfe eines Vogelbestimmungsbuchs versucht ein solches flinkes Federtier zu benennen. Dafür müsste ich wissen, ob es z.B. ein Seidenschwanz ist, auch eine Braunelle wäre möglich oder irgendeiner, so ein Buch ordnet die Vögel schließlich. Ich blättere. Irgendwann entscheide ich mich für einen Zwergschnäpper von der Seite der Schnäpperverwandten – einfach, weil ich das Wort mag – und ich lese. Dabei frage ich mich welcher Vogel so lange stillhält, dass ich all die typischen Merkmale an dem winzigen Tier ausmachen könnte, wie z.B. helle Augenringe. Am Ende des Textes stoße ich auf das Lied des Zwergschnäppers – hier waren eindeutig die Grenzen des Buches erreicht und ich musste mich kurz vergewissern, ob es nicht doch von Loriot war:

Zitat:
Gesang beginnt mit spitzen Tönen, gefolgt von rhythmischen zweisilbigen Elementen und abfallendem Schluss etwa

sri sri
wüd wüd
eida eida
dü dü düh
srrt
tck tck
ilü ilü

Alles klar?

Vermehrt Schönes: Worum es geht

Der kleine Anfang vor zwei Tagen hat mich selbst überrascht – spontan und stimmig war das! Was habe ich hier vor? Ich locke mich zurück ins Leben und lade euch ein, immer mal durch dieses Fenster zu schauen und mich dabei zu begleiten. Der Lockstoff ist das alltäglich Schöne. Oftmals ist es so klein, dass es sich auf den ersten Blick nicht zeigt, oder es passt sich gekonnt der Umgebung an, wie ein Chamäleon, und entzieht sich. Manches tarnt sich als Wiederholung, umgibt sich mit einem Nebel von Bedeutungslosigkeit oder, noch tückischer, nervt einfach. Ich will mich diesen gleichzeitig verborgenen und doch offensichtlichen Begleitern auf verschiedene Weise nähern, will probieren, wie sie sich zeigen und herausfinden, ob sie als Lockmittel taugen. Dafür probiere ich verschiedene Brillen aus, mehr verrate ich hier noch nicht.

Und warum das alles? Dafür muss ich etwas ausholen, mich umdrehen und einige der Fußspuren beschreiben, die ich in den letzten Monaten hinterlassen habe, ein Ausflug in unebenes Gelände, das ich irgendwie durchquert habe um anzukommen, wo ich jetzt bin. 

Ich bin aus der Welt gefallen. Das ist die kurze Antwort, vielleicht genügt sie manchen schon, weil sie doch alles transportiert, was es zu sagen gibt. Oder länger: Eine Depression hat mich aus der Kurve geworfen, hat mich veranlasst, alles in Frage zu stellen, das Leben in ein trübes und düsteres Licht getaucht und festen Grund in Morast verwandelt. Ohne geduldige und bedingungslos liebevolle Menschen, die mich begleiten, würde ich meinen Text jetzt nicht so kühn und laut allen zumuten – ohne diese Menschen ginge es gar nicht. Doch jetzt bin ich an einem Punkt, wo ich mich selbst locken möchte. Köder auslegen, wie diese Seite, vielleicht entsteht ein Resonanzraum, vielleicht einfach nur eine Dokumentation meines Experiments.