Autor: julianeharms

Hier gibts später mehr

Was ich mir vornehme

Es ist da, das neue Jahr und es zeigt sich von einer frühlingshaften Seite: friedlich, warm und doch verstörend, wenn Bienen herum summen, Schneeglöckchen hervorkommen und Gänseblümchen ihre Köpfe in die Sonne recken.

Ich mag es, dass das Jahr sich selbst beendet, abwarten genügt, die Zeit vergeht einfach. Ob es sich auch abschließt, das Jahr oder ob es einfach nur ausläuft wie eine Welle, die auf den Strand spült ehe eine neue heranbraust? Irgendwie haben Jahre ja etwas kreisförmiges, gebärden sich nicht so wie eine Welle – zumindest wenn man in Monaten denkt und in Jahreszeiten. Aber der Kreis, oder eine andere geschlossene Form wie ein Oval, ist mir zu gleichförmig. Daher entschließe ich mich doch für Jahreswellen. Sie beginnen weit draußen auf dem Meer, kraftvoll und doch eher unmerklich. In einem Meer der Möglichkeiten schöpft sich das Jahr, hebt sich langsam zu einer erkennbaren Welle. Der Januar ist da eher noch im flachen Bereich, nur die Ahnung einer Welle in der Weite des Wassers, aber voller Kraft. Surfen kann man jetzt noch nicht. Das Bild ließe sich natürlich weiterspinnen, die Masse bleibt die gleiche, Verformungen gehen langsam, die Konflikte in der Welt richten sich nicht nach dem Kalender und überhaupt erscheint manches über Jahrtausende immer nur im neuen Gewand und Veränderungen sind minimal. Aber ein kleines, einzelnes Leben folgt eigenen Gesetzen, finde ich.

Dynamik kommt in die Gezeiten meines Meeres durch das, was ich mir so vornehme, was ich will. Ich frage mich, warum ich so treu und unangebracht stur bestimmte Dinge in meinem Leben zu Ende bringen will – ja fast muss – und andere, die mir wichtiger sind, lange als Vorhaben oder Ideen lauern und manchmal dort verkümmern ohne Farbe angenommen zu haben. Beispielsweise fällt es mir schwer, ein Buch nicht zu Ende zu lesen, wenn ich es mal angefangen habe. Da stelle ich fest, dass der Stil nervt, oder, nach einem ermutigenden Beginn erlahmt die Handlung und es zieht sich. Dann lese ich weiter, fühle mich dem Buch verpflichtet wie einem Freund, der ein Stück mit mir geht. Ich versäume es dann, mich rechtzeitig zu verabschieden, meine Zeit dem zu widmen, was mich aufbaut. Mein geliebtes Tagebuch bleibt schon mal einige Tage geschlossen, obwohl es mir gut tut und einen leere Seite keine Pflichten mit sich bringt – höchstens die stille Aufforderung, einen Moment innezuhalten und mir selbst eine gute Freundin zu sein. Und das ist es, was ich mir wünsche für das neue Jahr und überhaupt jedem wünsche: dass wir uns selbst so gute Freunde und Freundinnen sind, dass eine Stimme da ist, die uns ermutigt, die den Spitzen die Schärfe nimmt, die uns zuhört und bedingungslos lieb hat, einfach so.

Muschelbruch

Ein Strandspaziergang endet nach wenigen Metern, weil ich gebannt vor meine Füße schaue, während sich Reihen von Muscheln vor mir ausbreiten, lange Bahnen über den Strand ziehen und daran erinnern, an welcher Stelle die letzte Flut Wellen spülen ließ. Die meisten lassen gleich ein Gesicht erkennen, auch im Profil sind welche dabei, die alte Geschichten in ihren Schichten bereithalten und auf eine Art weise wirken. Vögel sind auch einige dabei, eine Kreuzung aus Lindwurm und Adler mit aufgefächertem Hals und krummem Schnabel, ein Huhn, eine erinnert an Paul Klees Engelsfiguren, eine sieht aus wie ein immer währender Schrei.

Auf der Suche nach Muscheln mit Loch begegnet mir Bruch: Schneckenhäuser und Muscheln, die ihr Inneres preisgeben. Was stehenbleibt, wenn die Schnecke ausgezogen ist oder von Feinden dazu genötigt wurde, ist ein Haus mit feiner Innenausstattung, glatt, geschmeidig, gewunden, hell perlmuttschimmernd. Sehr privat, denke ich, während mein Auge an der ersten Windung eines intakten Hauses hängenbleibt. Vielleicht bin ich deshalb so fasziniert von dem Bruch, den Scherben, bei denen Wellen Sand und Steine die zarteren Stellen des Gehäuses zertrümmert und den Blick ins Innere freigelegt haben. Zuerst sehe ich, dass die Mitte stabil ist. Dicht drängt sie sich um sich selbst. Ich sehe in meiner Sammlung ganz viele verschiedene glatte Kurven, Einbuchtungen, Wölbungen, die fürs Verborgene geschaffen waren und deshalb so verletzlich und gleichzeitig stabil wirken – sie haben es schließlich bis auf den Strand geschafft.

Ich habe die Taschen voller Muscheln, Schneckenhäuser und Sand, die Hände sind stumpf vom Kalk und Salz, weil ich die Fundstücke wieder und wieder wende, sie befrage, weshalb sie mich so bannen und berühren in ihrer Unvollständigkeit, ihrer Stabilität, Zerbrechlichkeit – nicht nur auf der Haut, sondern auch ganz tief drinnen.

glücklich

(lose gesammelt)

barfuß auf sonnengewärmten Steinen stehen

die erste Pfingstrose geht auf

kühle Morgenluft auf der nackten Haut an einem warmen Tag

Vögeln beim Baden zuschauen

mir für jemanden etwas Schönes überlegen

den eigenen Garten mit fremden Augen sehen

einen Freundin umarmen

Fahrtwind beim Radfahren

geliebte Dinge wiederverwenden

gemeinsam Köpfe zeichnen und sich Geschichten zu den Gestalten ausdenken

Dinge umnutzen

eine gute Freundin nach langer Zeit wiedersehen und so vertraut sein wie immer

Formulierungen wie: „in dem Buch wurden die Rechtschreibfehler von Goethe rausgemacht“

etwas auslassen

gemeinsam lachen

gemeinsam schweigen

quakende Frösche

der erste Kaffee

intensive Farben

und du?

Erleichterung

Neulich saß ich an meinem Schreibtisch und fühlte mich durch die schiere Menge der Dinge um mich her überwältigt. So sehr überwältigt, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Es war, als laste aller Kram, der unbeachtet und unbenutzt irgendwo im Haus lagerte, auf mir. Ich war drauf- und dran, zum Schreiben ein anders Lokal zu wählen als mein wunderschönes Büro. Einen Ort wollte ich, in dem die Dinge nicht zu mir gehören und mir also auch nichts zuraunen würden. Die Bücher in meinem Rücken beispielsweise, viele nur teilweise gelesen, aufbewahrt für eine andere Zeit, in der ich mich ihnen widmen würde. Sie rufen mit heiseren Bücherstimmen: mich musst du eines Tages noch lesen, vielleicht interessierst du dich doch noch mal für mich, schau mich an! Und in mir antwortet es laut und vernehmlich: Nein! ich will mich nicht mit Material umgeben, dass ich für eine unbestimmte Zukunft aufhebe. Ich möchte nur das, woran mein Herz hängt und solches, womit ich mich befassten möchte. Dies war ein zentraler Moment!

Manchmal stelle ich mir so lange Häkelbänder vor – und dies erwies sich als ein sehr sehr langes – an denen man ziehen kann und dann löst sich eine Schlaufe nach der anderen. Immer wieder mal braucht so eine Häkelschlaufe etwas Überwindung, bis sie Ihr Schlaufesein aufgeben kann, doch dann ist sie einfach nur noch Faden. Was das mit meinem Krempel zu tun hat? Ganz einfach: Jedes Ding eine Schlaufe! Wie gesagt, es waren viele Schlaufen, viele Dinge. Was sich als überschaubares Entrümpelungsprojekt während einer Coronaquarantänephase anließ, entwickelte sich zu einem fragenden, prüfenden und liebevoll kritischen Blick auf all das, was ich mein nenne oder inzwischen eben nannte. Manches hebe ich auf, weil ich mich der gebenden, schenkenden Person verpflichtet fühle, manches, weil ich mich nicht damit befassen möchte, was ich sonst damit anstellen soll. Das ist nämlich das eigentliche Problem: Wohin mit Bechern, Kinderportmonaies, zu großen Schuhen, zu kleinen Hosen, Seidenschals, in denen ich mich verkleidet fühle, Bücher, die meine Zukunft verkleben? Nützliches, was mir nicht nützlich ist? Idealerweise würde jedes Teil sich so in den großen Kreislauf der Dinge einreihen, dass kein Müll entsteht und jedes mit Respekt an seinen Ort kommt. Puh! Eine Mammutaufgabe. Also Ebay, Kleiderstube, Flohmarkt, Bücherspende. Alles fein auseinanderdividieren, versenden, hintragen. Ich war zeitweise so vertieft in mein Projekt, dass ich rundherum alles vergessen habe.

Dann kam ein besonders schöner Moment: ich konnte richtig spüren, wie Energie frei wurde, Schritt für Schritt immer mehr Kraft und Lust nun etwas zu tun, etwas anderes als das sorgsame Wenden und Befragen von Dingen, von denen ich mich trennen wollte. Richtig befreit! Ich weiß, das ist ein bekanntes Phänomen und doch ist es auch besonders schön, ein solches, Zufriedenheit stiftendes zu erleben und die Schultern frei zu haben von honigzäher Last der stillen Aufforderungen für frische Ideen und Taten!

Ungeschriebenes

Die ganzen ungeschriebenen Texte der vergangenen Wochen, die ihr hier nicht lesen könnt, habe ich für mich im Stillen formuliert, daher haben sie nicht den Weg aufs Papier oder in die Tastatur gefunden. So kam es zu einer Pause – vielleicht eine Kunstpause, eine lahme oder auch eine schöpferische Pause?

Einige Tage in Berlin waren reichlich gefüllt mit Eindrücken, Bildern und Vorstellungen davon, wie andere Menschen so leben in einem derart gigantischen Kosmos wie der Stadt, die immer vor sich hin pulst, die so viel Übergang ausstrahlt und doch an vielen Stellen Zeugnisse der prägenden Stationen bereithält. In Berlin habe ich angefangen auf Leute zu achten, die sprechen, ohne dass jemand in der Nähe ihnen zuhört. Der erste hatte ein Telefon am Ohr und gestikulierte stark. Ich war mir in dem Moment sicher, dass, was auch immer er gerade verhandelte, ohne diese sprechenden Bewegungen nur unvollständig bei seinem Gesprächspartner ankam, genauso wie ich leider die Worte nicht hören konnte, dafür aber gebannt an seinen rudernden Bewegungen hing. Der zweite Telefonmann hatte einen Videocall. Auch er sprach mit seinem ganzen Körper. Am liebsten hätte ich ihm rasch einen Selfiestick besorgt! Er gab sich Mühe das Telefon so weit von sich entfernt zu halten, dass die Person auf dem Bildschirm zumindest eine Ahnung seines körperlichen Gesprächseinsatzes bekommen konnte. Doch er war eher klein, rundlich, die Arme nicht allzu lang, daher gelang das kaum und er streckte sich wieder und wieder und musste derweil das Telefon von Hand zu Hand reichen, sich lang machen und engagiert kommunizieren. Schwierig! Nach diesen beiden Herren war ich mir beim dritten sofort sicher, dass er telefonierte. Er ging auf der anderen Straßenseite, sprach vor sich hin. Er kam ohne Arme aus – also er hatte welche, ließ sie aber einfach hängen. Ich verfolgte ihn mit Blicken und sah, dass er gar nicht telefonierte, sondern mit sich selber sprach. Das fällt jetzt kaum noch auf, wo jeder irgendwo ein Mikro versteckt haben kann, in das er reinspricht. Menschen, die Selbstgespräche auf der Straße führen, wirken auf mich immer unendlich einsam oder auch bedrängt von sich. Dieser auch, obwohl ich gar nicht weiß, ob er vielleicht ein glücklicher Zeitgenosse war.

Zumutungen

Mich beschäftigen Zumutungen, ich suche sie. Zuerst fallen mir die ein, die sich aufdrängen: Lärm, Schmutz, Kälte, zu viel von etwas wie zum Beispiel Kohlensäure oder Licht. Das drängt sich mir alles auf. Auch Meinungen fallen mir ein, die jemand äußert, oder Stimmungen, die sich an mich heften, weil jemand sie vor sich herträgt. Doch das ist schon etwas anderes als Kohlensäure, schließlich sind andere Menschen beteiligt. Auch aufdringliche Werbung oder Unterhaltung, zu der ich nicht aktiv ja gesagt habe, gehören auf die Liste. Das alles ist die einfache Seite, hier ist es leicht zu identifizieren. Es sind die Dinge, die grenzüberschreitend von außen daherkommen und mich verstummen lassen. Dann gibt es die, dich ich mir zumute, wie zum Beispiel einen Spaziergang im Regen, obwohl es nicht verlockend aussieht oder essen, obwohl ich satt bin, Dinge aussprechen, obwohl ich mich schäme oder fürchte.

Mit Regen ist es häufig so, dass es von drinnen schlimmer aussieht, als er sich draußen tatsächlich anfühlt. Er kann sogar sehr fein sein, erfrischend, zart perlend. Der von heute hat etwas Unaufdringliches, fast schon Beruhigendes. Im See war ein Schwimmer. Ich, behaglich in der Winterjacke verpackt, hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit jemandem, der im Regen die Kleider abwirft und sich von dem kalten Wasser umschließen lässt. Der Schwimmer sieht froh aus, als er aus dem Wasser kommt, geht strahlend über die Wiese, als sei Sommer. Für mich unvorstellbar, aber schön mitanzusehen.

Ich stelle fest, dass ich Zumutungen erstmal übergriffig finde und sie deshalb nicht mag. Auf der anderen Seite wäre es ein fades Leben, wenn jeder in seiner Welt ganz allein leben würde, also braucht es immer auch Fremdfarben, die sich einmischen – Anregungen, Interesse. Zumutungen? Warum ist mein Bild so negativ? Ich glaube, es liegt an dem Wort. Abdrücke oder Spuren hinterlassen, sich einmischen, diese Wörter könnten eine Alternative sein.

Diese Woche habe ich es mir zugemutet, noch mehr Menschen von dem Blog hier zu erzählen, was mir jetzt das Schreiben erschwert, weil es mich ablenkt wie ein dickes Blatt, das sich zwischen mich und die Worte schiebt. Gestern habe ich auch Dinge gesagt, die ich zuvor als Zumutung zensiert und deshalb verschwiegen hatte. Das Fazit: Es hat gut getan. Manchmal komme ich mir eben so vor, als müsste ich Menschsein noch lernen und mich zum Beispiel daran erinnern, dass keiner sich allein trägt. Ich werde also weiter nach Zumutungen suchen, mich einmischen, wo es mir in den Sinn kommt und nicht jede Zumutung in Stille versenken. Ich übe noch.

Kleine Wunder

Ich habe Post bekommen, völlig unerwartet und überraschend lag ein kleines Päckchen von einer ehemaligen Kollegin in meinem Briefkasten. Warum das einen Text wert ist? Sie traf mich mitten ins Herz mit ihren Worten und ihrer Wahl, einfach so und aus recht großer Entfernung. Im Untertitel heißt das Buch, das sie gewählt hat: Menschliche Begegnungen im Dichterwort. In dem Buch fand ich ein Zitat von Rose Ausländer:

Immer sind es die Menschen,
du weißt es.
Ihr Herz ist ein kleiner Stern,
der die Erde beleuchtet.

Gerade hatte ich eine Woche lang immer wieder versucht, die Menschen um mich herum zu sehen, mich liebevoll auf das einzulassen, was wahrnehmbar und spürbar ist. Es hat sich als eine schwierige Aufgabe herausgestellt und war nur ein Anfang. Doch ausgerechnet zu der Zeit dieses Buch in die Hände gespielt zu bekommen begleitet von Worten, in denen ich mich gesehen fühlte, erscheint mir fast magisch und auf jeden Fall zauberhaft und ermutigt mich, tapfer weiter zu schreiben. Ich bin mir sehr sicher, dass dies ein Zufall war – oder wie wir es nennen wollen – ein Zusammentreffen, ungeplant, da sie von meinem Blog sicherlich nichts weiß. Ich rufe ihr einen Dank zu und wünsche allen anderen, die dies lesen, immer mal einen magischen Moment und die Bereitschaft für kleine Wunder!

Eine kleine Nabelschau

Ein Zwischenstand. Ich bin seit rund zwei Wochen dabei, hier zu schreiben, in dieser Woche habe ich mich zum ersten Mal zu einem Thema verpflichtet. Es tauchen Fragen in mir auf und auch ein paar kleine Erkenntnisse und eine Entscheidung.

Die schöne Erkenntnis zu erst: Ich mag schreiben, es tut gut und ordnet, diese Seite hat etwas Verpflichtendes, das kann bedrängend aber auch sehr hilfreich sein. Es ist angenehm zu wissen, dass das Geschriebene eine Möglichkeit ist, ein Angebot schließlich muss es niemand lesen – auch das ist eine Erkenntnis aus dem Kosmos des Offensichtlichen.

Ich rätsele, ob der Titel der Seite stimmt, Vermehrt Schönes. Das ist wohl meine größte Frage. Wie es dazu kommt? Die Aufforderung, Schönes zu vermehren, oder vielmehr den Blick darauf zu lenken, leuchtet mir ein – so als Lockstoff zurück in die Welt, wie ich es zu Beginn beschrieben habe. Auf der anderen Seite möchte ich die anderen Farben, die das Schöne als solches um so heller leuchten lassen, auch nicht in die Ecke stellen oder verwischt wissen. Sie sind ja da, sie gehören dazu und so stoße ich mich daran, dass der Titel so einseitig ist. Zudem kann ich beobachten, dass ich verstummen will, wenn es dann eben nicht schön ist, weil es ja nicht zum Titel passen würde. Es liegt mir nicht, nur eine Facette zu beschreiben. Auf der anderen Seite hatte ich in der letzten Zeit mehr als genug Möglichkeiten, mich mit der Düsternis auseinanderzusetzen und wäre mal bereit für etwas anderes. Doch das ist nicht alles, die Frage rührt auch daher, dass ich mir so gerne abgewöhnen würde, nur die helle, freundliche, leichte Seite zumutbar für andere Menschen zu finden – da spiegelt sich im geputzten Glas meines Blogs eine meiner Ängste oder Reflexe. Setze ich das hier so fort? Ändere ich den Titel? Nervt es nicht? Anderer Leute Farbspektrum mag ich übrigens uneingeschränkt – um hier nochmal auf das Schöne zurückzukommen.

Also wähle ich jetzt einen anderen Arbeitstitel: beziehungsweise. So wollte ich die Seite ursprünglich nennen, doch das war vergeben, so taucht es jetzt wieder auf. Ich bleibe bei meinem Versuch und öffne das Feld ausdrücklich für alles, was das Leben hergibt, ohne die Lust am Schönen im Kleinen zu opfern.

So viel zur kleinen Nabelschau, das nächste Brillenexperiment folgt bestimmt. Bis bald!

Guck mal, das ist auch interessant!

Der zweite Feldversuch gestaltet sich schwieriger, ich habe Mühe, stressfrei das Haus zu verlassen und verliere schon vor dem Aufbruch die Motivation – also muss ich ohne los, mit einem Klumpen im Bauch und einem Hund auf dem Schoß. In meinem Kopf spielen sich allerhand Fluchtszenarien ab, trotzdem komme ich im Städtchen an und habe sogar eine Begleiterin, die besser nicht sein könnte (nein, es ist nicht nur der Hund mitgekommen…). Während ich noch damit beschäftigt bin, ob ich meinem Feldversuch überhaupt gewachsen bin und mich in mir verknote, höre ich neben mir ein heiteres: Guck mal, das ist auch interessant! Sie ist so in meinem Thema, dass ich direkt darüber nachdenke, ihr einen Gastbeitrag anzubieten: sie kennt sich aus mit Menschen, die gut aussehen, einfach, weil sie zufrieden sind, weiß von dünnen Menschen, die den Bauch einziehen, wenn sie Selfies machen und solchen, die das nicht nötig haben. Ihr Blick in die Welt ist an diesem Tag eine Wohltat für mich! Sie sieht einen Mann, der derart ausladende Schritte macht, dass jeder einzelne so aussieht, als nähme er Maß, derweil lastet er auf seinem Spagat, federt tief. Wir begegnen einem Kleinkind, das ganz aus dem Häuschen gerät, als es den Hund sieht und dabei zwei stolze Schneidezähne präsentiert. Ich bleibe stehen und sehe dieses runde, kleine, zufriedene Wesen mit satten Pölsterchen auf dem Handrücken, dazu zwei strahlende Eltern.

Meine Frage für heute ist: was fühle ich, wenn ich bestimmte Menschen sehe? Zum Beispiel begegnet mir ein freundliches Gesicht mit großen, hellen Augen. Zuversicht, denke ich, das ist eine freudvolle, helle Art, die ein wohliges Gefühl in mir wachsen lässt. Ich merke, dass es mir schwerfällt, bei der ganzen Gestalt zu bleiben, sobald ich jemandem direkt begegne, denn dann bin ich gleich beim Gesicht, den Augen.

Ich versetze mich erneut in meine Begleiterin hinein: Guck mal…. Da ist eine junge Frau, zierlich, sie hat etwas mädchenhaftes an sich, wirkt durchsichtig und doch zäh. Die Nase wirkt groß in dem kleinen Gesicht, der Hals lang, sehr lang. Ich wundere mich, warum sie immer so kurz aufblickt und dann wieder auf ihren Schoß. Sie skizziert. Zu gern würde ich sehen, was sie aufs Papier bringt. Der Mann an ihrem Nebentisch: angegraute Geheimratsecken, dichtes Haar mit Pferdeschwanz, markante Brille und ein ungewöhnlich gerades Profil. Er ließt. Sein erdfarbenes Karo-Flanellhemd gibt an den Ärmeln sehnige Hände frei. Er ist untersetzt, wirkt viel kleiner, als er aufsteht. Wäre er ein Tier, wohnte er irgendwo im Sand, schon der Farbe wegen. Trocken wirkt er auf mich, aber auch eitel – aber woher nehme ich das Urteil? Aus dem Hüftschwung, den er auf dem Weg zur Toilette präsentiert? Er wäre niemand, der Beute jagt, denke ich, vielleicht müsste er im Tierpark wohnen oder als Haustier, damit die Fütterung reibungslos abliefe.

Eine Frau hinkt, offenbar ist ein Bein deutlich kürzer. Wie fühlt es sich an, wenn man bei jedem zweiten Schritt etwas fällt? Eine Frau trägt Gram im Gesicht, wie zwei Streifen, die ihren Ausdruck schmal machen und hinunterziehen. Da wird beim Hinschauen das Herz schwer. Interessanterweise muss ich auch feststellen, dass gemächliches Arbeiten, wie ich es an diesem Platz wahrnehmen kann, ein ausgleichendes Gefühl auslöst während Menschen an Handys und Tablets sich entziehen, da kann ich nichts spüren. Nur eine, die etwas ermüdet das Ohr ans Telefon hält, während sie ihren Kaffeeschaum auslöffelt, wirkt etwas verlassen auf mich – vielleicht geht einfach keiner dran.

Wo wohnt das Schöne?

Mein erster Feldversuch hat mich ins Städtchen geführt. Menschen auf Rädern, Kinder auf Rollern, zu Fuß, sitzend. Wäre ich ein Mensch aus einem gänzlich anderen Kulturkreis hätte ich sicherlich größte Mühe, überhaupt Unterschiede festzustellen, abgesehen von Alter und Höhe vielleicht. Schon bei Männlein oder Weiblein würde es schwierig werden – aber schließlich sind wir ja als Gesellschaft auch dabei, uns von biblischem Verständnis der Geschlechterrollen zu lösen – insofern half es, ganz weit zurückzutreten und die Flanierenden in Ruhe wirken zu lassen.

Ich beobachtete also eine Weile und hörte recht entspannt, freundlich distanziert dem Chor meiner öden Standardbeurteilungen zu, bis Ruhe einkehrte und die Frage auftauchte, warum manche Menschen so viel Schönes ausstrahlen und andere derart schwer an sich zu tragen haben. Diese Ausstrahlung ließ sich nicht auf modische, junge, solche in Gesellschaft oder Einzelgänger, dicke oder dünne Menschen münzen. Es wirkte wie ein feine Übereinstimmung mit sich selbst, so, als würde man zwei Bilder aufeinander legen und es passt, strahlt, während im Gegenteil, bei schleppenden Menschen das Bild verrutscht war oder zerknittert. Besonders augenfällig war es bei Verliebten, die sind im Reinen mit sich, gesehen mit dem liebenden Blick, freudvoll, leicht und im Glück.

Wir werden uns niemals von außen sehen, wie andere es tun. So wächst mein Rätsel, während ich meinen Cappuccino bezahle und aufstehe, was ich sehen würde, wenn ich mir in der Menge begegnete.