Was ich mir vornehme

Es ist da, das neue Jahr und es zeigt sich von einer frühlingshaften Seite: friedlich, warm und doch verstörend, wenn Bienen herum summen, Schneeglöckchen hervorkommen und Gänseblümchen ihre Köpfe in die Sonne recken.

Ich mag es, dass das Jahr sich selbst beendet, abwarten genügt, die Zeit vergeht einfach. Ob es sich auch abschließt, das Jahr oder ob es einfach nur ausläuft wie eine Welle, die auf den Strand spült ehe eine neue heranbraust? Irgendwie haben Jahre ja etwas kreisförmiges, gebärden sich nicht so wie eine Welle – zumindest wenn man in Monaten denkt und in Jahreszeiten. Aber der Kreis, oder eine andere geschlossene Form wie ein Oval, ist mir zu gleichförmig. Daher entschließe ich mich doch für Jahreswellen. Sie beginnen weit draußen auf dem Meer, kraftvoll und doch eher unmerklich. In einem Meer der Möglichkeiten schöpft sich das Jahr, hebt sich langsam zu einer erkennbaren Welle. Der Januar ist da eher noch im flachen Bereich, nur die Ahnung einer Welle in der Weite des Wassers, aber voller Kraft. Surfen kann man jetzt noch nicht. Das Bild ließe sich natürlich weiterspinnen, die Masse bleibt die gleiche, Verformungen gehen langsam, die Konflikte in der Welt richten sich nicht nach dem Kalender und überhaupt erscheint manches über Jahrtausende immer nur im neuen Gewand und Veränderungen sind minimal. Aber ein kleines, einzelnes Leben folgt eigenen Gesetzen, finde ich.

Dynamik kommt in die Gezeiten meines Meeres durch das, was ich mir so vornehme, was ich will. Ich frage mich, warum ich so treu und unangebracht stur bestimmte Dinge in meinem Leben zu Ende bringen will – ja fast muss – und andere, die mir wichtiger sind, lange als Vorhaben oder Ideen lauern und manchmal dort verkümmern ohne Farbe angenommen zu haben. Beispielsweise fällt es mir schwer, ein Buch nicht zu Ende zu lesen, wenn ich es mal angefangen habe. Da stelle ich fest, dass der Stil nervt, oder, nach einem ermutigenden Beginn erlahmt die Handlung und es zieht sich. Dann lese ich weiter, fühle mich dem Buch verpflichtet wie einem Freund, der ein Stück mit mir geht. Ich versäume es dann, mich rechtzeitig zu verabschieden, meine Zeit dem zu widmen, was mich aufbaut. Mein geliebtes Tagebuch bleibt schon mal einige Tage geschlossen, obwohl es mir gut tut und einen leere Seite keine Pflichten mit sich bringt – höchstens die stille Aufforderung, einen Moment innezuhalten und mir selbst eine gute Freundin zu sein. Und das ist es, was ich mir wünsche für das neue Jahr und überhaupt jedem wünsche: dass wir uns selbst so gute Freunde und Freundinnen sind, dass eine Stimme da ist, die uns ermutigt, die den Spitzen die Schärfe nimmt, die uns zuhört und bedingungslos lieb hat, einfach so.

Hinterlasse einen Kommentar