Muschelbruch

Ein Strandspaziergang endet nach wenigen Metern, weil ich gebannt vor meine Füße schaue, während sich Reihen von Muscheln vor mir ausbreiten, lange Bahnen über den Strand ziehen und daran erinnern, an welcher Stelle die letzte Flut Wellen spülen ließ. Die meisten lassen gleich ein Gesicht erkennen, auch im Profil sind welche dabei, die alte Geschichten in ihren Schichten bereithalten und auf eine Art weise wirken. Vögel sind auch einige dabei, eine Kreuzung aus Lindwurm und Adler mit aufgefächertem Hals und krummem Schnabel, ein Huhn, eine erinnert an Paul Klees Engelsfiguren, eine sieht aus wie ein immer währender Schrei.

Auf der Suche nach Muscheln mit Loch begegnet mir Bruch: Schneckenhäuser und Muscheln, die ihr Inneres preisgeben. Was stehenbleibt, wenn die Schnecke ausgezogen ist oder von Feinden dazu genötigt wurde, ist ein Haus mit feiner Innenausstattung, glatt, geschmeidig, gewunden, hell perlmuttschimmernd. Sehr privat, denke ich, während mein Auge an der ersten Windung eines intakten Hauses hängenbleibt. Vielleicht bin ich deshalb so fasziniert von dem Bruch, den Scherben, bei denen Wellen Sand und Steine die zarteren Stellen des Gehäuses zertrümmert und den Blick ins Innere freigelegt haben. Zuerst sehe ich, dass die Mitte stabil ist. Dicht drängt sie sich um sich selbst. Ich sehe in meiner Sammlung ganz viele verschiedene glatte Kurven, Einbuchtungen, Wölbungen, die fürs Verborgene geschaffen waren und deshalb so verletzlich und gleichzeitig stabil wirken – sie haben es schließlich bis auf den Strand geschafft.

Ich habe die Taschen voller Muscheln, Schneckenhäuser und Sand, die Hände sind stumpf vom Kalk und Salz, weil ich die Fundstücke wieder und wieder wende, sie befrage, weshalb sie mich so bannen und berühren in ihrer Unvollständigkeit, ihrer Stabilität, Zerbrechlichkeit – nicht nur auf der Haut, sondern auch ganz tief drinnen.

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