
Neulich saß ich an meinem Schreibtisch und fühlte mich durch die schiere Menge der Dinge um mich her überwältigt. So sehr überwältigt, dass ich mich nicht konzentrieren konnte. Es war, als laste aller Kram, der unbeachtet und unbenutzt irgendwo im Haus lagerte, auf mir. Ich war drauf- und dran, zum Schreiben ein anders Lokal zu wählen als mein wunderschönes Büro. Einen Ort wollte ich, in dem die Dinge nicht zu mir gehören und mir also auch nichts zuraunen würden. Die Bücher in meinem Rücken beispielsweise, viele nur teilweise gelesen, aufbewahrt für eine andere Zeit, in der ich mich ihnen widmen würde. Sie rufen mit heiseren Bücherstimmen: mich musst du eines Tages noch lesen, vielleicht interessierst du dich doch noch mal für mich, schau mich an! Und in mir antwortet es laut und vernehmlich: Nein! ich will mich nicht mit Material umgeben, dass ich für eine unbestimmte Zukunft aufhebe. Ich möchte nur das, woran mein Herz hängt und solches, womit ich mich befassten möchte. Dies war ein zentraler Moment!
Manchmal stelle ich mir so lange Häkelbänder vor – und dies erwies sich als ein sehr sehr langes – an denen man ziehen kann und dann löst sich eine Schlaufe nach der anderen. Immer wieder mal braucht so eine Häkelschlaufe etwas Überwindung, bis sie Ihr Schlaufesein aufgeben kann, doch dann ist sie einfach nur noch Faden. Was das mit meinem Krempel zu tun hat? Ganz einfach: Jedes Ding eine Schlaufe! Wie gesagt, es waren viele Schlaufen, viele Dinge. Was sich als überschaubares Entrümpelungsprojekt während einer Coronaquarantänephase anließ, entwickelte sich zu einem fragenden, prüfenden und liebevoll kritischen Blick auf all das, was ich mein nenne oder inzwischen eben nannte. Manches hebe ich auf, weil ich mich der gebenden, schenkenden Person verpflichtet fühle, manches, weil ich mich nicht damit befassen möchte, was ich sonst damit anstellen soll. Das ist nämlich das eigentliche Problem: Wohin mit Bechern, Kinderportmonaies, zu großen Schuhen, zu kleinen Hosen, Seidenschals, in denen ich mich verkleidet fühle, Bücher, die meine Zukunft verkleben? Nützliches, was mir nicht nützlich ist? Idealerweise würde jedes Teil sich so in den großen Kreislauf der Dinge einreihen, dass kein Müll entsteht und jedes mit Respekt an seinen Ort kommt. Puh! Eine Mammutaufgabe. Also Ebay, Kleiderstube, Flohmarkt, Bücherspende. Alles fein auseinanderdividieren, versenden, hintragen. Ich war zeitweise so vertieft in mein Projekt, dass ich rundherum alles vergessen habe.
Dann kam ein besonders schöner Moment: ich konnte richtig spüren, wie Energie frei wurde, Schritt für Schritt immer mehr Kraft und Lust nun etwas zu tun, etwas anderes als das sorgsame Wenden und Befragen von Dingen, von denen ich mich trennen wollte. Richtig befreit! Ich weiß, das ist ein bekanntes Phänomen und doch ist es auch besonders schön, ein solches, Zufriedenheit stiftendes zu erleben und die Schultern frei zu haben von honigzäher Last der stillen Aufforderungen für frische Ideen und Taten!