Ungeschriebenes

Die ganzen ungeschriebenen Texte der vergangenen Wochen, die ihr hier nicht lesen könnt, habe ich für mich im Stillen formuliert, daher haben sie nicht den Weg aufs Papier oder in die Tastatur gefunden. So kam es zu einer Pause – vielleicht eine Kunstpause, eine lahme oder auch eine schöpferische Pause?

Einige Tage in Berlin waren reichlich gefüllt mit Eindrücken, Bildern und Vorstellungen davon, wie andere Menschen so leben in einem derart gigantischen Kosmos wie der Stadt, die immer vor sich hin pulst, die so viel Übergang ausstrahlt und doch an vielen Stellen Zeugnisse der prägenden Stationen bereithält. In Berlin habe ich angefangen auf Leute zu achten, die sprechen, ohne dass jemand in der Nähe ihnen zuhört. Der erste hatte ein Telefon am Ohr und gestikulierte stark. Ich war mir in dem Moment sicher, dass, was auch immer er gerade verhandelte, ohne diese sprechenden Bewegungen nur unvollständig bei seinem Gesprächspartner ankam, genauso wie ich leider die Worte nicht hören konnte, dafür aber gebannt an seinen rudernden Bewegungen hing. Der zweite Telefonmann hatte einen Videocall. Auch er sprach mit seinem ganzen Körper. Am liebsten hätte ich ihm rasch einen Selfiestick besorgt! Er gab sich Mühe das Telefon so weit von sich entfernt zu halten, dass die Person auf dem Bildschirm zumindest eine Ahnung seines körperlichen Gesprächseinsatzes bekommen konnte. Doch er war eher klein, rundlich, die Arme nicht allzu lang, daher gelang das kaum und er streckte sich wieder und wieder und musste derweil das Telefon von Hand zu Hand reichen, sich lang machen und engagiert kommunizieren. Schwierig! Nach diesen beiden Herren war ich mir beim dritten sofort sicher, dass er telefonierte. Er ging auf der anderen Straßenseite, sprach vor sich hin. Er kam ohne Arme aus – also er hatte welche, ließ sie aber einfach hängen. Ich verfolgte ihn mit Blicken und sah, dass er gar nicht telefonierte, sondern mit sich selber sprach. Das fällt jetzt kaum noch auf, wo jeder irgendwo ein Mikro versteckt haben kann, in das er reinspricht. Menschen, die Selbstgespräche auf der Straße führen, wirken auf mich immer unendlich einsam oder auch bedrängt von sich. Dieser auch, obwohl ich gar nicht weiß, ob er vielleicht ein glücklicher Zeitgenosse war.

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