Zumutungen

Mich beschäftigen Zumutungen, ich suche sie. Zuerst fallen mir die ein, die sich aufdrängen: Lärm, Schmutz, Kälte, zu viel von etwas wie zum Beispiel Kohlensäure oder Licht. Das drängt sich mir alles auf. Auch Meinungen fallen mir ein, die jemand äußert, oder Stimmungen, die sich an mich heften, weil jemand sie vor sich herträgt. Doch das ist schon etwas anderes als Kohlensäure, schließlich sind andere Menschen beteiligt. Auch aufdringliche Werbung oder Unterhaltung, zu der ich nicht aktiv ja gesagt habe, gehören auf die Liste. Das alles ist die einfache Seite, hier ist es leicht zu identifizieren. Es sind die Dinge, die grenzüberschreitend von außen daherkommen und mich verstummen lassen. Dann gibt es die, dich ich mir zumute, wie zum Beispiel einen Spaziergang im Regen, obwohl es nicht verlockend aussieht oder essen, obwohl ich satt bin, Dinge aussprechen, obwohl ich mich schäme oder fürchte.

Mit Regen ist es häufig so, dass es von drinnen schlimmer aussieht, als er sich draußen tatsächlich anfühlt. Er kann sogar sehr fein sein, erfrischend, zart perlend. Der von heute hat etwas Unaufdringliches, fast schon Beruhigendes. Im See war ein Schwimmer. Ich, behaglich in der Winterjacke verpackt, hatte mit allem Möglichen gerechnet, aber nicht mit jemandem, der im Regen die Kleider abwirft und sich von dem kalten Wasser umschließen lässt. Der Schwimmer sieht froh aus, als er aus dem Wasser kommt, geht strahlend über die Wiese, als sei Sommer. Für mich unvorstellbar, aber schön mitanzusehen.

Ich stelle fest, dass ich Zumutungen erstmal übergriffig finde und sie deshalb nicht mag. Auf der anderen Seite wäre es ein fades Leben, wenn jeder in seiner Welt ganz allein leben würde, also braucht es immer auch Fremdfarben, die sich einmischen – Anregungen, Interesse. Zumutungen? Warum ist mein Bild so negativ? Ich glaube, es liegt an dem Wort. Abdrücke oder Spuren hinterlassen, sich einmischen, diese Wörter könnten eine Alternative sein.

Diese Woche habe ich es mir zugemutet, noch mehr Menschen von dem Blog hier zu erzählen, was mir jetzt das Schreiben erschwert, weil es mich ablenkt wie ein dickes Blatt, das sich zwischen mich und die Worte schiebt. Gestern habe ich auch Dinge gesagt, die ich zuvor als Zumutung zensiert und deshalb verschwiegen hatte. Das Fazit: Es hat gut getan. Manchmal komme ich mir eben so vor, als müsste ich Menschsein noch lernen und mich zum Beispiel daran erinnern, dass keiner sich allein trägt. Ich werde also weiter nach Zumutungen suchen, mich einmischen, wo es mir in den Sinn kommt und nicht jede Zumutung in Stille versenken. Ich übe noch.

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