Der zweite Feldversuch gestaltet sich schwieriger, ich habe Mühe, stressfrei das Haus zu verlassen und verliere schon vor dem Aufbruch die Motivation – also muss ich ohne los, mit einem Klumpen im Bauch und einem Hund auf dem Schoß. In meinem Kopf spielen sich allerhand Fluchtszenarien ab, trotzdem komme ich im Städtchen an und habe sogar eine Begleiterin, die besser nicht sein könnte (nein, es ist nicht nur der Hund mitgekommen…). Während ich noch damit beschäftigt bin, ob ich meinem Feldversuch überhaupt gewachsen bin und mich in mir verknote, höre ich neben mir ein heiteres: Guck mal, das ist auch interessant! Sie ist so in meinem Thema, dass ich direkt darüber nachdenke, ihr einen Gastbeitrag anzubieten: sie kennt sich aus mit Menschen, die gut aussehen, einfach, weil sie zufrieden sind, weiß von dünnen Menschen, die den Bauch einziehen, wenn sie Selfies machen und solchen, die das nicht nötig haben. Ihr Blick in die Welt ist an diesem Tag eine Wohltat für mich! Sie sieht einen Mann, der derart ausladende Schritte macht, dass jeder einzelne so aussieht, als nähme er Maß, derweil lastet er auf seinem Spagat, federt tief. Wir begegnen einem Kleinkind, das ganz aus dem Häuschen gerät, als es den Hund sieht und dabei zwei stolze Schneidezähne präsentiert. Ich bleibe stehen und sehe dieses runde, kleine, zufriedene Wesen mit satten Pölsterchen auf dem Handrücken, dazu zwei strahlende Eltern.
Meine Frage für heute ist: was fühle ich, wenn ich bestimmte Menschen sehe? Zum Beispiel begegnet mir ein freundliches Gesicht mit großen, hellen Augen. Zuversicht, denke ich, das ist eine freudvolle, helle Art, die ein wohliges Gefühl in mir wachsen lässt. Ich merke, dass es mir schwerfällt, bei der ganzen Gestalt zu bleiben, sobald ich jemandem direkt begegne, denn dann bin ich gleich beim Gesicht, den Augen.
Ich versetze mich erneut in meine Begleiterin hinein: Guck mal…. Da ist eine junge Frau, zierlich, sie hat etwas mädchenhaftes an sich, wirkt durchsichtig und doch zäh. Die Nase wirkt groß in dem kleinen Gesicht, der Hals lang, sehr lang. Ich wundere mich, warum sie immer so kurz aufblickt und dann wieder auf ihren Schoß. Sie skizziert. Zu gern würde ich sehen, was sie aufs Papier bringt. Der Mann an ihrem Nebentisch: angegraute Geheimratsecken, dichtes Haar mit Pferdeschwanz, markante Brille und ein ungewöhnlich gerades Profil. Er ließt. Sein erdfarbenes Karo-Flanellhemd gibt an den Ärmeln sehnige Hände frei. Er ist untersetzt, wirkt viel kleiner, als er aufsteht. Wäre er ein Tier, wohnte er irgendwo im Sand, schon der Farbe wegen. Trocken wirkt er auf mich, aber auch eitel – aber woher nehme ich das Urteil? Aus dem Hüftschwung, den er auf dem Weg zur Toilette präsentiert? Er wäre niemand, der Beute jagt, denke ich, vielleicht müsste er im Tierpark wohnen oder als Haustier, damit die Fütterung reibungslos abliefe.
Eine Frau hinkt, offenbar ist ein Bein deutlich kürzer. Wie fühlt es sich an, wenn man bei jedem zweiten Schritt etwas fällt? Eine Frau trägt Gram im Gesicht, wie zwei Streifen, die ihren Ausdruck schmal machen und hinunterziehen. Da wird beim Hinschauen das Herz schwer. Interessanterweise muss ich auch feststellen, dass gemächliches Arbeiten, wie ich es an diesem Platz wahrnehmen kann, ein ausgleichendes Gefühl auslöst während Menschen an Handys und Tablets sich entziehen, da kann ich nichts spüren. Nur eine, die etwas ermüdet das Ohr ans Telefon hält, während sie ihren Kaffeeschaum auslöffelt, wirkt etwas verlassen auf mich – vielleicht geht einfach keiner dran.