
Ich mag es, Menschen anzuschauen – gern auch fremde Menschen. Neulich, bei einem ausgiebigen Spaziergang entlang des Konstanzer Ufers, gab es wunderbar viel zu sehen. In der Frühlingsluft dehnten sich die Menschen aus, lösten sich aus der winterlichen Verkrampfung und ergossen sich in größeren und kleineren Grüppchen in die Sonne. Einer tanzte regelrecht in seiner kurz geratenen Chino mit großen Kopfhörern vor uns her. Es gab schöne Paare, frischverliebte und auch solche, die schweigend nebeneinander her liefen oder andere, deren gemeinsames Leben wie eine Gravur verwandte Spuren in den Gesichtern hinterlassen hatte.
Zum Einstieg in mein „Experiment“ habe ich den Fokus auf die Gestalten von uns Menschen gewählt. So geht es leicht, dachte ich, weil sie doch überall sind und mich interessieren. Dabei ruft mir dann bei meinem ersten Ausflug eine innere Stimme langweilige Bewertungen zu, wie zum Beispiel: Oh, ganz ungünstig verpackt! Oder auch andere Ablenkungen über Form, Größe oder Ausdruck von Menschen, denen sicherlich eine so prompte Bewertung nicht gerecht werden würde. Also schaue ich erneut hin und stelle wieder das Offensichtliche fest: eine Gestalt ist nur in der Bewegung ganz vollständig. Manche Leiber werden geschoben, andere auf kompliziert anmutende Weise oben transportiert, es gibt leichtfüßige, behäbige, schroffe, feine und feste, staksige, zerlaufene – um nur einige zu nennen, die ich kürzlich gesehen habe. Ich freue mich an der Vielfalt – und die Einfalt?
Die Einfalt fiel mir heute geradezu vor die Füße! Ist Einfalt das Gegenteil von Vielfalt? Womöglich ist das allgegenwärtige Bemühen um äußere Schönheitsideale und Standards zutiefst einfältig und ein vernichtender Angriff auf die Eigenfarben – alle in der gleichen Falte und keiner sieht etwas anderes?
Das Experiment: Ganz zu Anfang dieses Blogs habe ich mir vorgenommen, verschiedene „Brillen“auszuprobieren, ich habe bereits einige in meiner Sammlung, die ich tragen und über die ich hier berichten möchte. Diese Woche sind es, wie gesagt, Gestalten ( ich wollte ursprünglich Körper nehmen, aber das klang so nackt…) Dass es leicht gehen würde, war ein Irrtum. So vieles drängt sich auf aus den aktuellen Diskursen aus dem ganzen Spektrum von Bodyshaming, Big is Beautiful bis Size Zero, Mode und eingeübten Werten. Dabei geht es mir hier nicht um einen Beitrag zur gesellschaftlichen Debatte, sondern nur um meine Wahrnehmung. Mal sehen, ob ich das kann. Ich ahne bereits, dass es vor allem eine spannende Reise in die Welt meiner Körperbilder und Urteile wird.